Arbeitsgruppe Frauen- und Familienförderung in der Onkologie - Berichte

Bericht der Arbeitsgruppe vom November 2018

Frauen in der Onkologie – Die AIO bezieht Position 

Kick-off-Meeting und Gründung der „AG Frauen in der Onkologie“ auf der diesjährigen 15. AIO-Herbsttagung im November 2018 

Frauen machen heutzutage den überwiegenden Anteil der Medizinstudium-Absolventen/innen aus (66% Frauen, 33% Männer)1. Auch die Anzahl an Promotionen von Frauen im Fach Humanmedizin übersteigt die der Männer um das 1,4-Fache (ca. 3.800 Frauen und ca. 2800 Männer im Jahr 2017)1. Darüber hinaus beträgt der Anteil der Frauen an der berufstätigen Ärzteschaft 45 %, was einer Fast-Parität gleichkommt2. Vergleichbar mit Sparten aus Wirtschaft und Industrie besetzen Frauen jedoch auch in der Medizin lediglich 3-10 % der Führungspositionen (z.B. 10 % Chefärztinnen in Deutschland, nur zwei Ordinaria auf deutschen Lehrstühlen für „Hämato-Onkologie“)2. Ähnlich verhält es sich mit dem Frauenanteil in Entscheidungsgremien, Lenkungsausschüssen, Beiräten oder Vorständen.

Die „Gläserne Decke“- trotz exzellenter Ausbildung, hoher Qualifikation und Zuwachsraten bei Studienabschlüssen und Promotionen gelangen Frauen nur selten in Führungsetagen

Analysen zeigen, dass der „Karriere-Knick“ bei Frauen im Alter von 30-35 Jahren eintritt (Abb. 1). Dieser „Knick“ ist in keinem anderen Fach, das ein Studium voraussetzt, so drastisch wie im Fach Humanmedizin. Familiengründung bei noch immer unzureichenden Betreuungsmöglichkeiten für Säuglinge und Kleinkinder sind hier sicher ursächlich, allerdings muss man zusätzlich die starren und konservativen Arbeitsmodi in der Medizin verantwortlich machen. Es fehlen vielfach Möglichkeiten für flexiblere Arbeits- bzw. Teilzeitmodelle besonders auf Oberarztebene. Eine weitere Besonderheit hat das Fach Medizin: wer hier an die Spitze will muss nicht nur Patienten behandeln, sondern auch forschen - eine Dreifachbelastung, die auch Männern zu schaffen macht. Frauen verzichten in dieser Phase häufiger auf die wissenschaftliche Weiterqualifizierung. Denn auch soziale Gründe spielen vermutlich eine relevante Rolle, welche Frauen häufig an der metaphorischen „gläsernen Decke“ scheitern lassen: Das immer noch vorherrschende weibliche Rollenverständnis in Familie und Gesellschaft, innerfamiliäre Verpflichtungen, geringere Fähigkeiten bei Selbstpräsentation, beim Netzwerken und der Delegation von Aufgaben, fehlende weibliche Vorbilder und fehlende Haltung in den Leitungsebenen sowie ein „Mut-Defizit“ für die Arbeit in einem hoch kompetitiven Berufsumfeld.

Karriereverlauf von Ärztinnen mit typischem „Karriere-Knick“ um das 30. Lebensjahr.

Karriereverlauf von Ärztinnen mit typischem „Karriere-Knick“ um das 30. Lebensjahr.

Mit freundlicher Genehmigung zum Abdruck von
Frau Prof. Dr. med. Gabriele Kaczmarczyk
Vizepräsidentin Deutscher Ärztinnenbund e.V.

Wo steht die AIO – eine Mitgliederanalyse nach Geschlecht

Im Jahr 2018 vermeldet die AIO 1300 Mitglieder, davon sind 250 weiblich (19%). In den 23 Arbeitsgruppen sind sechs Frauen als AG-Sprecherinnen (22 %; insg. n=27) und in den 23 zugehörigen Leitgruppen 24 Frauen (18%; insg. n=132) vertreten. Der AIO-Vorstand (9 Mitglieder inklusive Beirats) setzte sich bis zu diesem Jahr nur aus männlichen AIO-Mitgliedern zusammen. Mit Anke Reinacher-Schick wurde nun 2018 erstmals eine Frau als künftige Vorsitzende in den AIO-Vorstand gewählt. Bei den AIO Young Medical Oncologists (AIO-YMO), einem Zusammenschluss von AIO-Mitgliedern unter 40 Jahren mit eigenen Sprechern und Aktivitäten, sind derzeit 195 Mitglieder registriert, davon 55 Frauen (28%) und 40 Ärztinnen (21%).

Die AIO bezieht Position und entscheidet sich klar für die Unterstützung von Frauen in der Onkologie

Beim AIO Herbstkongress 2018 fand erstmals eine eigene Sitzung zum Thema „Frauen in der Onkologie – die AIO bezieht Position“ mit Teilnahme von zwei Vorstandsmitgliedern und Vertretern der AIO-YMO unter der Moderation von Susanna Hegewisch-Becker statt. Marianne Sinn, Marlies Michl und Sylvie Lorenzen gaben in ihren einführenden Vorträgen einen umfassenden Überblick zum Thema, zeigten typische Probleme von Frauen/Ärztinnen auf ihrem Karriereweg auf und stellten bereits bestehende Aktivitäten anderer Fachgesellschaften wie DGHO und ESMO, der Pharmaindustrie sowie Frauenförderprogramme von Bund und Ländern vor. Diana Lüftner unterstützte die Sitzung mit ihren Erfahrungen aus der Vorstandsarbeit der Deutschen Gesellschaft für Hämatologie und Medizinischen Onkologe (DGHO). In der DGHO beträgt der Frauenanteil immerhin ca. 30%. Der deutlich geringere Anteil an weiblichen Mitgliedern in der AIO mag auch dadurch erklärt sein, dass klinische Forschung Mehraufwand bedeutet, der in gängigen Arbeitszeitmodellen nicht abgebildet wird. In der anschließenden regen Diskussion mit zahlreichen Teilnehmerinnen und Teilnehmern wurden erste Schwerpunktthemen herausgearbeitet und Aktivitäten zur neuen AG beschlossen

Kick-off-Meeting: Frauen in der Onkologie am 16.11.2018 in Berlin

Kick-off-Meeting: Frauen in der Onkologie am 16.11.2018 in Berlin
© Thomas Ecke, Berlin

Geplante Aktivitäten und Maßnahmen der AIO zur Frauenförderung und Förderung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie

Fast einstimmig und auch unter Befürwortung zahlreicher männlicher AIO-Mitglieder u.a. aus AIO-Vorstand und AIO-YMO wurde beschlossen, sich innerhalb der AIO zukünftig intensiver mit Frauenförderung und der Förderung von Vereinbarkeit von Beruf und Familie auseinanderzusetzen. Die Brisanz des Themas soll breiter von den Mitgliedern wahrgenommen werden, und so zu einem Diskurs führen, der Veränderungen nach sich zieht. Ziele sind u.a.

(1) den Anteil von Frauen in der AIO zu erhöhen und ihre Sichtbarkeit zu steigern. Eine paritätische Besetzung von Positionen in den Arbeitsgruppen und im Vorstand ist anzustreben.

(2) die Gründung eines digitalen Netzwerks, das durch Onkologinnen in der AIO und der DGHO sowie anderen in der Onkologie tätigen Ärztinnen gemeinsam genutzt werden kann

(3) ein 1:1-Mentoring-Programm (für Frauen und Männer) zur Nachwuchsförderung zu etablieren

(4) die Möglichkeit zum Austausch von kreativen Arbeitszeitmodellen (z.B. Home-Office, Teilzeit etc.)

(5) die Etablierung eines Programms zur Steigerung der Teilnahme junger Onkologinnen am Herbstkongress (aktiv und passiv). Hierzu wurde der Antrag zur Gründung einer AIO-Arbeitsgruppe „Frauen in der Onkologie“ auf den Weg gebracht und bereits positiv beschieden.

 Wir danken allen Teilnehmerinnen und Teilnehmern des Kick-Off-Meetings „Frauen in der Onkologie – die AIO bezieht Position“ für die anregende und produktive Diskussion, das entgegengebrachte Vertrauen sowie die Unterstützung und freuen uns auf die weitere Zusammenarbeit.

 
Literatur
     1. Statistisches Bundesamt
     2. Deutscher Ärztinnenbund e.V., Statuserhebung 2016; Information des deutschen Bundes
     auf Anfrage der Grünen

 

PD Dr. Marlies Michl
Klinikum der Universität München (LMU)

Prof. Dr. Anke Reinacher-Schick
St. Josef-Hospital Bochum, Klinikum der Ruhr-Universität Bochum

PD Dr. Marianne Sinn
Charité-Universitätsmedizin Berlin (ab 2019 UKE Hamburg)

(Auszug aus einem Artikel - erschienen im FORUM der Deutschen Krebsgesellschaft e.V. im Februar 2019, Jg. 34, Nr. 01)